Warum die linke Kritik am Liberalismus seit den 1970ern scheitert – eine schonungslose Analyse
Clara MeyerWarum die linke Kritik am Liberalismus seit den 1970ern scheitert – eine schonungslose Analyse
Eine neue Anthologie untersucht, warum Kritiker des Liberalismus seit den 1970er-Jahren scheiterten, seine Vorherrschaft infrage zu stellen."Krise der Kritik? Gegner des Kapitalismus im liberalen Zeitalter" analysiert, wie linke Bewegungen und Intellektuelle es nicht schafften, wirksamen Widerstand zu leisten. Das Buch argumentiert, dass das Verständnis dieser Schwächen entscheidend ist, um die jüngsten gesellschaftlichen Umbrüche zu deuten.
Der Sammelband benennt ein zentrales Problem: Der Begriff "Liberalismus" verengt die Kritik oft auf eine spezifische Ausprägung des Kapitalismus, statt den Kapitalismus selbst grundlegend zu hinterfragen. Die Aufsätze zeigen, wie die linke Opposition zersplitterte – indem sie Identitätspolitik mit keynesianischer Wirtschaftspolitik vermischte, statt radikale Veränderungen voranzutreiben. Die Proteste von 1968 etwa prägte eine "strukturell argumentierte Konsumkritik", die spätere kapitalismuskritische Ansätze vorwegnahm, ohne sie zu überwinden.
Benjamin Möckel widerspricht der These, Dissens sei zu sehr individualisiert worden, und weist darauf hin, dass sich die Konsumkritik bereits im Nachkriegswirtschaftswunder verankert hatte. Flemming Falz' Beitrag offenbart hingegen, wie Sozialdemokraten und linksliberale Kräfte liberale Reformen selbst übernahmen – als Reaktion auf Krisen, nicht als Widerstand dagegen. Roman Köster führt zudem aus, dass der Begriff "Liberalismus" weit weniger einheitlich ist, als viele annehmen, was Gegenstrategien zusätzlich erschwert.
Trotz dieser Schwierigkeiten gab es auch Erfolge. In Deutschland kämpfte die "Gemeinwohl-Ökonomie" (GWÖ) gegen Privatisierungen und Sparpolitik, forderte höhere Kapitalsteuern und eine gerechtere Unternehmensbesteuerung. In Lateinamerika nutzten sozialistische Führer wie Hugo Chávez und Evo Morales Massenproteste, Verstaatlichungen und das Bündnis ALBA, um US-Einfluss und liberale Politik herauszufordern. Ihre Initiativen führten zu Arbeiterkontrolle in Industrien und größerer Rohstoffsouveränität. Selbst in Österreich sorgte die SPÖ-Politikerin Julia Herr für Schlagzeilen, als sie sich gegen die Benennung eines Parlamentssaals nach Friedrich Hayek aussprach – mit Verweis auf dessen Unterstützung für Pinochets Diktatur.
Das Buch bietet eine detaillierte Analyse, warum die Kritiker des Liberalismus so oft scheiterten. Es zeichnet den Wandel von breiten antikapitalistischen Bewegungen hin zu begrenzten, reformerischen Ansätzen nach. Zwar erzielten einige Gruppen – wie die GWÖ oder lateinamerikanische Sozialisten – politische Teilerfolge, doch der Linken gelang es insgesamt nicht, eine geschlossene Alternative zu präsentieren.